Lentinger Straßennamen

als Spiegel der Ortsgeschichte

 

Erst seit 1957 gibt es in Lenting Straßennamen, die für uns heute so selbstverständlich sind. In den 150 Jahren davor hatte jedes Haus nur eine Hausnummer und noch früher orientierten sich die Dorfbewohner nach den mündlich überlieferten Haus- und Hofnamen. Bei der Vergabe der heutigen 82 Lentinger Straßennamen benutzte der Gemeinderat, wie andernorts auch üblich, die Namen von Dichtern (Lessingstraße, Goethering), Musikern (Mozartstraße, Schubertstraße) oder Pflanzen (Rosenweg, Fliederstraße). Solche Namen sind nicht erklärungsbedürftig, dieser Artikel beschäftigt sich daher nur mit den ortsspezifischen Straßennamen, die auf  Lentinger Flurnamen, Örtlichkeiten oder für Lenting wichtigen Personen beruhen und damit die Lentinger Ortsgeschichte widerspiegeln.

Alte Lentinger Flurnamen als Straßennamen  

Wie der DONAUKURIER am 15.5.2019 unter dem Titel „Einst ein kleines Dorf mit 91 Flurnamen“ berichtete, hat Heinrich Stolz vom Geschichtskreis die heute kaum noch bekannten Flurnamen (1810 – 1950) erforscht. Sie waren für die Dorfbewohner damals wichtig, um die Lage der Flurstücke zu kennen. Flurnamen wurden seit dem 19. Jahrhundert von der Verwaltung auch in Flurkarten eingetragen, die im Lentinger Rathaus erhalten sind.

Flurnamen-Einträge: Heinrich Stolz

Am Bergfürst   Die höchste Stelle einer Anhöhe nannte man früher im Volksmund „Auf dem Fürst“ (First). In Flurkarten findet man den Flurnamen „Am Bergfürst“ bei der heutigen Schillerstraße bis hin zum Kapellenberg, also beim höchsten Geländerücken des Ortes.  

Am Esper   Südlich des heutigen Blockhauses gab es den Flurnamen „Am untern Esper“,  an der Grenze zu Oberhaunstadt den Namen „Am obern Esper“. Auf dem dortigen Boden wuchs offenbar der Esperklee besonders gut, der früher ein wichtiges Viehfutter war.

Am Gstocket   Westlich vom heutigen Schulsportplatz blieben infolge von Rodungen Baumstöcke in großer Zahl stehen. So entstand der Flurname „Im Gstocket“ oder „Stockert“. Der Obstbauverein pflanzte hier auf Anregung von Rektor Stettmayer um 1900 eine Obstbaumplantage, die man aber wegen des schlechten Bodens wieder aufgab. In den 1950er Jahren wurde dann das Gstocket aufgeforstet und teilweise bebaut.  

Am Güßgraben   Dieser alte Flurname bezeichnet das Gebiet um den Hohlweg, der vom heutigen Wasserwerk aus nach Norden führt (Teil der Kriegsstraße). Er ist abgeleitet vom alten Begriff „Güß“ oder „Giß“ für Hochwasser, schnell fließendes Wasser. Bei dem abfallenden Gelände ist ein überschwemmter „Gießgraben“ gut vorstellbar.  

Am Lesermantel   Auf den Feldern aufgestellte Getreidegarben nannte man früher „Kornmandel“ oder „Troidmandel“. Es war üblich, auch die restlichen Getreideähren vom Stoppelfeld aufzulesen; dabei wurden wohl manchmal auch (heimlich) Ähren aus den „Mandeln“ mit aufgelesen.

Am Pfannenstiel   Diese Flurbezeichnung entstand nach der Form eines länglichen Flurstücks. Das liegt laut Flurkarte südlich von Lenting entlang der Straße nach Oberhaunstadt.

Am Vogelherd   Bei dem seit dem Mittelalter beliebten Vogelfang wurden Vögel an einen präparierten Platz gelockt, dort durch zusammenschlagende Netze oder Leimruten gefangen und dann verspeist.  Diese Fangorte waren meist Erdhügel, die oben platt waren wie ein Herd. In den Lentinger Flurkarten ist der „Vogelherd“ auf der Anhöhe „Rauher Buckel“ zu finden.  

Bichel   Bichel oder auch Pichl bzw. Bühl sind alte süddeutsche Wörter für Hügel, bei uns ist es der Name für einen der Hügel südwestlich des Dorfes. Man begegnet diesem Namen in vielen bayerischen Orten, manchmal sogar als Ortsnamen, wie z.B. in Pichl bei Manching.

Buchtnerbarthl   Seit dem Mittelalter war es üblich, Felder auch nach ihrem Besitzer zu benennen. Dass es hier ein Besitzer- oder Hausname war, erkennt man am Namensteil …barthl, der Kurzform für Bartholomäus. Diese Flur findet man südlich vom Güßgraben.

Fürstäcker   Diese Äcker lagen östlich vom Bergfürst und auf der Kuppe südlich des heutigen Gemeindefriedhofs. Wie beim Bergfürst erklärt, muss man sie sinngemäß als „Firstäcker“ verstehen.

Gänsberg   Der Straßenname ist abgeleitet vom Flurnamen „Gänsäcker“ im selben Bereich östlich der Ingolstädter Straße. Der Abhang eignete sich gut als Gänseweide wegen der Ortsnähe und dem nahen Schlossweiher.

Im Hacken   Diese Straße verläuft entlang der gleichnamigen Feldflur südlich der heutigen Lentinger Schrebergartenanlage. Die zur Guttenbergerstraße hin spitz zulaufende Form des Flurstücks ist vermutlich der Grund für die Namensbildung.

Kastenholzstraße   „Kastenholz“ hieß ein Wald, der früher im Nordwesten bis an den Ortsrand von Lenting und Hepberg heranreichte. Ein „Kasten“ war früher das Verwaltungsamt für die Güter des Herzogs, unser Kastenholz gehörte zum herzoglichen Kastenamt Vohburg.

Lehenbuckl   Die gleichnamige Flur liegt beim Klausenhof westlich von Hepberg. In einer kurbayerischen Karte von 1787 (Hauptstaatsarchiv, Plansammlung 020514) ist dort „Hochstift Eichstädtisches Lehen“ eingetragen, was die Entstehung dieses Flurnamens erklärt.

Schönfeld   Diese Feldflur wurde offenbar nach ihrer schönen Lage benannt, nämlich am sonnigen Hang westlich vom oben beschriebenen Güßgraben.

Steigweg   Die Flur „Am Steig“ befand sich westlich der Verbindungsstraße von Lenting nach Hepberg.  Davon wurde der Straßennamen Steigweg abgeleitet.

Steinbuckel   Hügel (Buckel) mit vielen Kalksteinen gab es um Lenting herum mehrere. Daher tragen auch zwei Flurstücke diesen Namen: eines beim heutigen Einkaufszentrum (REWE) und das zweite bei der Wettstettener Straße.

Straßennamen nach Lentinger Örtlichkeiten                                                           

Alte Landstraße  Die Alte Landstraße war bis ins 20. Jahrhundert ein Teil des überregionalen Verkehrswegs von Ingolstadt nach Nürnberg. Auf älteren Landkarten heißt sie „Chaussee“ (siehe Abbildung).  Erst ab 1932 lief der Fernverkehr über die neue Umgehung Ingolstädter Straße und Nürnberger Straße.

 

Topographische Karte 1815

Am Kalkbrenner   Mit den Kalksteinen aus den benachbarten Steinbrüchen des Gstocket konnten die hier angesiedelten Kalkbrenner ihre Kalköfen bestücken. Sie lieferten ihren vorzüglichen weißen Kalk für Bauwerke bis in die weitere Umgebung Lentings.

Am Schanzl  Der Straßenname leitet sich vom früheren Flurnamen in diesem Bereich ab. Vermutlich bestand an diesem Weg früher ein Erdwall oder eine andere Geländeform, die man früher auch Schanze genannt hat.

 Antoniusweg  Der Antoniusweg war ein Feldweg, der ab 1837 zur Hepberger Antoniuskapelle führte. Diese Kapelle musste zwar 1971 dem Straßenbau weichen, wurde aber 1987 an der Hepberger Fortstraße nahe dem ursprünglichen Standort neu errichtet.

 Auto-Union-Ring   Die Auto Union GmbH  (Name der AUDI AG vor 1969) veranlasste in den 1960er Jahren den Bau der großen Lentinger Wohnblocksiedlung für ihre Beschäftigten. Entlang und innerhalb dieser Siedlung verläuft seitdem der Auto-Union-Ring bis hinunter zur Nürnberger Straße. Diese Wohnanlage war ein Meilenstein für die Entwicklung Lentings vom Bauerndorf zur modernen Wohngemeinde.

Einsiedlerweg und Klausnerweg   Der Einsiedlerweg war ursprünglich der Weg von Lenting zum „Einsiedl“, einem Einödhof südwestlich von Hepberg. Da sich der Hofname später in „Klausen“ änderte, gibt es nun in Lenting für denselben früheren Zielort die beiden Straßennamen Einsiedlerweg und Klausnerweg.

Hofmark   Drei Teilstraßen in der Nähe des ehemaligen Hofmarkschlosses tragen diesen Namen. Das erinnert daran, dass die meisten Höfe und Häuser dort bis 1840 von den Hofmarksherren abhängig waren. Beispiele dafür sind die dortigen Hausnamen „Hofmarksbäck“,  „Sedlbauer“ oder „Kellermann“, der frühere Weinkeller des Schlosses.   

Industriestraße    Für das Gebiet im Osten von Lenting hatten die Gemeinderäte der 1960er Jahre eine Vision: Dort sollte ein Industriegebiet entstehen. Daher nannte man die zentrale Erschließungsstraße Industriestraße. Obwohl es nur ein Gewerbegebiet wurde, ist der Straßenname geblieben.

Mühlweg   Seit etwa 1400 lag am östlichen Ortsrand die Lentinger Mühle und der Weg dorthin hieß Mühlweg. Als dieser Weg 1936 durch den Autobahnbau abgeschnitten wurde, blieb der Name im westlichen Wegabschnitt trotzdem erhalten.

Lentinger Mühle  Aufgrund der Bachverlegung beim Autobahnbau stellte die Mühle 1936 ihren Betrieb ein. Als Ersatz für den abgeschnittenen östlichen Mühlweg bekam die Zufahrt von der Bahnhofstraße her den Namen der Mühle.

Kapellenweg   Der Name weist auf die Kapelle hin, die seit 1865 südlich dieser Straße auf einer Anhöhe steht. Sie war ursprünglich dem hl. Wendelin geweiht, dem Schutzpatron für eine gute Ernte, wurde nach 1945 erneuert und zur Fatimakapelle umgewidmet.

Ziegelei   Im Umfeld dieser Straße stand ab 1900 die Dampfziegelei. In diesem ersten Industriebetrieb Lentings arbeiteten auch viele italienische Ziegelbrenner. Mit dem Lehm vom Hepberger Ortsrand wurden massenweise Ziegelsteine und Dachziegel produziert. Die Ziegelei stellte 1939 den Betrieb ein.

 

Nach Personen und Adelsfamilien benannte Straßen

Argula-von-Grumbach-Straße  1510 heiratete die Adelstochter Argula von Stauff aus Beratzhausen den Lentinger Hofmarksherrn Friedrich von Grumbach. 1523/24 wurde sie durch ihre weit verbreiteten reformatorischen Flugschriften berühmt. An ihr Leben und Wirken erinnert auch das Argula-Denkmal am Rathausplatz Lenting.

 Bernd-Rosemeyer-Straße   Bernd Rosemeyer war ein berühmter Rennfahrer (1909 – 1938), der 1933 bis 1938 mit großem Erfolg Rennen für DKW und Auto Union fuhr. Er verunglückte 1938 bei Weltrekordfahrten. Die Namensgebung weist auf die Verflechtungen zwischen Audi und Lenting hin.

Ellenbrunnerstraße    Die Straße ist benannt nach den Adligen von Ellenbrunn bei Rennertshofen, die 1368 – 1453 die ersten nachweisbaren Hofmarksherren von Lenting waren. Ab 1439 besaßen sie zusätzlich die Hofmark Hepberg, seitdem waren die Hofmarken Lenting und Hepberg meist in Personalunion verbunden.

Ernst-Rauwolf-Straße   Ernst Rauwolf, Gründungsrektor der heutigen Schule, wirkte dort in den Jahren 1957 bis 1967. Standort und Architektur der ab 1958 gebauten Schule gehen auf seine Initiative zurück. Er betreute außerdem die Aufforstung des Gstockets und entwarf 1966 das Lentinger Gemeindewappen.

Guttenbergerstraße   Joseph Guttenberger war 1925 bis 1945 der Ortspfarrer und ab 1933 ein Ehrenbürger Lentings. Er ließ 1926/27 die Pfarrkirche und den Friedhof erweitern sowie den ersten Kindergarten errichten. Wegen kritischer Predigten wurde er 1933 kurzzeitig von den Nationalsozialisten inhaftiert.

Hirschbergstraße    Vor 1305 war Lenting ein Lehen der Grafen von Hirschberg, denn sie besaßen vom Kaiser die Schutzvogtei über das Bistum Eichstätt und seine Orte. Nach ihrem Aussterben 1305 setzte das herzogliche Landgericht Vohburg wechselnde Hofmarksadlige in Lenting ein.

Lodronstraße   Graf Carl von Lodron aus einem norditalienischen Adelsgeschlecht war 1730 bis 1740 der Lentinger Schlossherr. Die Grafen von Lodron hatten außerdem die Hofmark Wackerstein und Besitztümer in Niederbayern.

Pechmannstraße   Baron Heinrich von Pechmann war Generalmajor der bayerischen Kavallerie. Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg 1741 – 1748 übertrug ihm der Wittelsbacher Kurfürst die drei Hofmarken Lenting, Prunn und Zandt, die der Baron bis zu seinem Tod 1764 besaß.

Purchhauserstraße   Freiherr Georg Purchhauser von Zulling war nach 1600 fürstlicher Rat und Pfleger im Landgericht Vohburg, zu dem auch Lenting gehörte. In den Jahren 1605 bis 1624 besaß er gleichzeitig die Hofmarksherrschaft in Lenting.

Schlickhstraße   Nach dem Tod Friedrichs von Grumbach 1529 heiratete seine Witwe Argula 1533 den Grafen Burian von Schlickh. Dessen Nachkommen erhoben daher nach Argulas Tod 1554 Erbansprüche auf die Lentinger Hofmark, die sie dann 1560 bis 1571 auch besaßen.

Stubenrauchstraße   Die Adligen von Stubenrauch waren 1768 bis 1816 die letzten Schlossherren von Lenting und Hepberg. Sie betrieben im Hepberger Schloss einige Jahre lang ein Reallandschulheim für Waisenkinder. Mit den Herren von Stubenrauch endeten 500 Jahre Hofmarksherrschaft in Lenting.

Autoren: Walter Baumgärtner, Heinrich Stolz, Anton Müller